von Erich Fromm (1900-1980) aus dem Buch »Haben oder Sein«
Liebe hat je nach Betrachtung zwei Bedeutungen.
Kann man Liebe haben ? Wenn man das könnte, wäre Liebe ein Ding, eine Substanz, mithin etwas, das man haben und besitzen kann. Die Wahrheit ist, daß es kein solches Ding wie Liebe gibt. Liebe ist eine Abstraktion; vielleicht eine Göttin oder ein fremdes Wesen, obwohl niemand dieses Wesen je gesehen hat.
In Wirklichkeit gibt es nur den Akt der Liebe. Lieben ist ein produktives Tätigsein, es impliziert, für jemanden oder etwas zu sorgen, ihn/es zu kennen, auf ihn/es einzugehen, ihn/es zu bestätigen, sich an ihm zu erfreuen - sei es ein Mensch, ein Baum, ein Bild, eine Idee.

Es bedeutet, sie/ihn/es zum Leben zu erwecken, seine/ihre Lebendigkeit zu steigern.
Es ist ein Prozeß, der einen erneuen und wachsen läßt.
Wird Liebe aber in der Weise des Habens erlebt, so bedeutet dies, das Objekt, das man liebt, einzuschränken, gefangenzunehmen und zu kontrollieren. Eine solche Liebe ist erwürgend, lähmend, erstickend, tötend statt belebend. Was als Liebe bezeichnet wird, ist meist ein Mißbrauch des Wortes, um zu verschleiern, daß in Wirklichkeit nicht geliebt wird. Es ist eine immer noch offene Frage, wie viele Eltern ihre Kinder lieben. Die Berichte über Grausamkeiten gegenüber Kindern, von physischen bis zu psychischen Quälereien, von Vernachlässigung und purer Besitzgier bis hin zu Sadismus, die wir in Bezug auf die letzten zwei Jahrtausende westlicher Geschichte besitzen, sind so schockierend, daß man geneigt ist zu glauben, liebevolle Eltern seien die Ausnahme, nicht die Regel.
Für die Ehe gilt das gleiche: Ob sie auf Liebe beruht oder, wie traditionelle Ehen, auf gesellschaftlichen Konventionen und Sitte-Paare, die einander wirklich lieben, scheinen die Ausnahmen zu sein. Gesellschaftliche Zweckdienlichkeit, Tradition, beiderseitiges ökonomisches Interesse, gemeinsame Fürsorge für Kinder, gegenseitige Abhängigkeit oder Furcht, gegenseitiger Haß werden bewußt als Liebe erlebt - bis zu dem Augenblick, wenn einer oder beide erkennen, daß sie einander nicht lieben oder nie liebten. Die Menschen sind nüchterner und realistischer geworden und viele verwechseln sexuelle Anziehung nicht mehr mit Liebe, noch halten sie eine freundschaftliche aber distanzierte Teambeziehung für ein Äquivalent für Liebe.

Diese neue Einstellung hat zu größerer Ehrlichkeit - und zu häufigerem Partnerwechsel geführt. Sie hat nicht unbedingt dazu geführt, daß man nun häufiger auf Menschen trifft, die sich lieben, die neuen Partner lieben sich möglicherweise genauso wenig wie die alten.
Der Wandel vom Beginn des Verliebtsein bis zur Illusion, Liebe zu haben, kann oft an konkreten Details anhand der Geschichte von Paaren verfolgt werden, die sich verliebt haben. In der Zeit der Werbung ist sich einer des anderen noch nicht sicher; die Liebenden versuchen, einander zu gewinnen. Sie sind lebendig, attraktiv, interessant und sogar schön - da Lebendigkeit ein Gesicht immer verschönt. Keiner hat den anderen schon, also wendet jeder seine Energie darauf zu sein, das heißt zu geben und zu stimulieren.
Häufig ändert sich mit der Eheschließung oder mit dem heute in Mode gekommenen Zusammenziehen die Situation grundlegend.
Der Ehevertrag (oder so was ähnliches) gibt beiden das exklusive Besitzrecht auf den Körper, die Gefühle, die Zuwendung des anderen. Niemand muß mehr gewonnen werden, denn die Liebe ist zu etwas geworden, das man hat, zu einem Besitz.
Die beiden lassen in ihrem Bemühen nach, liebenswert zu sein und Liebe zu erwecken, sie werden langweilig und ihre Schönheit schwindet. Sie sind enttäuscht und ratlos. Sind sie nicht mehr dieselben ? Haben sie von Anfang an einen Fehler gemacht ? Gewöhnlich suchen sie die Ursache der Veränderung beim anderen und fühlen sich betrogen. Was sie nicht begreifen, ist, daß sie beide nicht mehr die Menschen sind, die sie waren, als sie sich ineinander verliebten; daß der Irrtum, man könne Liebe haben, sie dazu verleitete, aufzuhören zu lieben. Sie arrangieren sich nun auf dieser Ebene und statt einander zu lieben, besitzen sie gemeinsam, was sie haben: Geld, gesellschaftliche Stellung, ein Zuhause, Kinder. Die mit der Liebe beginnende Ehe oder Gemeinschaft verwandelt sich so in einigen Fällen in eine freundschaftliche Eigentümergemeinschaft, eine Körperschaft, in der zwei Egoisten sich vereinigen: die Familie. In anderen Fällen sehnen sich die Beteiligten weiterhin nach dem Wiedererwachen ihrer früheren Gefühle und der eine oder andere gibt sich der Illusion hin, daß ein neuer Partner seine Sehnsucht erfüllen werde. Sie glauben nichts weiter als die Liebe zu wollen. Aber Liebe ist für sie ein Idol, eine Göttin, der sie sich unterwerfen wollen, nicht ein Ausdruck ihres Seins. Sie scheitern zwangsläufig, denn "Liebe ist ein Kind der Freiheit.", und die Anbeter der Göttin Liebe versinken schließlich in solche Passivität, daß sie langweilig werden und verlieren, was von früherer Anziehungskraft noch übrig war.
Die Feststellungen schließen nicht aus, daß die Ehe der beste Weg für zwei Menschen sein kann, die einander lieben. Die Problematik liegt nicht in der Ehe als solche, sondern in der besitzorientierten Charakterstruktur beider Partner und, letzten Endes, in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Befürworter moderner Formen des Zusammenlebens wie Gruppenehe, Partnertausch, Gruppensex etc. versuchen, soweit ich das sehen kann, nur, ihre Schwierigkeiten in der Liebe zu umgehen, indem sie die Langeweile mit ständig neuen Stimuli bekämpfen und die Zahl der Partner erhöhen, statt einen wirklich zu lieben.